Medienpraxis in der Popkultur: Scratch-Stück
Die Stimme aufzuzeichnen bedeutet auch, die akustische Identität von SprecherInnen als Spur in einem Material zu hinterlassen und in den Ohren von HörerInnen an anderen Orten und Zeitpunkten zum Leben zu erwecken. Die ersten Tonaufzeichnungen wurden deshalb oft mit den Stimmen aus dem Jenseits verglichen. Die physikalischen Qualitäten des gesprochenen oder gesungenen Textes wie zum Beispiel seine Lautstärke, Intensität und Dauer schlagen sich in der jeweiligen materiellen Aufzeichnungsform nieder.
Thomas Feuerstein treibt diese Einsicht in die Materialität der Stimmaufzeichnung mit seiner Eisskulptur "VERBALE (Konfabulationsobjekt)" auf die Spitze. Das skulpturale Kühlaggregat registriert nur noch Atem und Körperausdünstung der sprechenden GaleriebesucherInnen und konserviert diese in Form einer Eisschicht. Tondokumente können also auch ohne konkreten Textinhalt, nur über ihre materielle Wirklichkeit Bedeutungen produzieren.
Techniken: > Aufzeichnen, > Inszenieren
Übung 2: Konstruktion von Bedeutung mit der Materialität der Tonspur
1. Stellen Sie sich vor, Sie müssten die Eisschichten in Feuersteins Skulptur in ihre akustische Ausgangsform rückübersetzen: Was würde man wohl hören, wenn die gefrorenen Aussagen von Feuersteins Publikum als Sätze über ein Ausgabegerät hörbar wären? Wie würden die Aussagen der GaleriebesucherInnen über das Kunstwerk akustisch klingen?
2. Besorgen Sie sich eine alte Schallplatte aus Vinyl und werfen Sie eine Blick auf ihre gerillte Oberfläche und deren Kratzer. Welche Erinnerungen löst das Knistern alter Schallplatten in Ihnen aus?
3. Lernen Sie die Praxis des "Scratchens" bei DJane SARA > aus Tokio: Sie bewegt die Vinylplatte rhythmisch unter der Nadel des Plattenspielers und gibt die gescratchten Stimmen mithilfe der Klangüberblendung am Mischpult ("Fader") aus. Die materielle Spur der analogen Stimme wird zum Musikinstrument!